Über F.W. Bernstein

Die Karikatur hat kapituliert

Ein Gespräch mit Fritz Weigle (F.W. Bernstein), Deutschlands einzigem Karikaturprofessor

taz: Ihre früheren ›Pardon‹-Kollegen F.K. Waechter und Robert Gernhardt sind namhafte Zeichner geworden. Der Karikaturist F.W. Bernstein blieb dagegen ein »stilles Blatt«.
Fritz Weigle: Die sind einfach besser als ich, Großmeister. Ich muß mit meinen kleinen Pfunden wuchern und versuchen, das Beste daraus zu machen.

Mit Waechter und Gernhardt waren Sie Satirevertreter der sogenannten »Neuen Frankfurter Schule«. Heute forschen Sie nicht nur, Sie geben Ihren Studenten an der Hochschule der Künste auch Zeichenunterricht und bitten sie: Zeichnet etwas, wofür ihr in der Schule die Note »mangelhaft« bekommen hättet.
Ein Beitrag zur pädagogischen Abrüstung. Früher war die bildnerische Dressur in Schulen viel stärker als heute.

Ihr Seminar beschäftigte sich auch mit der Figur Saddam Hussein?
Wir machen regelrechte Karikierübungen, zum Beispiel einen Bösen zeichnen. Im Dezember waren das Variationen über Saddam, als er mit den ersten Bildern gleich der Bösewicht war. Mit allen Klischees aus der Sicht von uns Mitteleuropäern: unrasiert, also unzuverlässig und ein finsterer Blick. Erst probierten wir noch seine Kampfuniform. Aber die Guten, der dicke Schwarzkopf und die anderen, trugen noch albernere Uniformen. Das ging dann nicht mehr. Oft vertreten ist bei den Karikaturisten das Fremdartige von Saddam: der Kameltreiber, der Araber, der von unten. Auch die Aufrechtesten der Zunft können da die Sau rauslassen.

Sie haben ein ganz persönliches Sammelwerk über Zeichenkunst herausgegeben. Darin heißt es: »So sehr mir das Fachsimpeln gefällt, ich will nicht in den Bannkreis der Spezialisten geraten.«
Gegenüber der Karikatur hat zum Beispiel der Comic, der in dem Buch eine geringere Rolle spielt, einen wissenschaftlichen Überbau erhalten. Dieser Überbau ist allenfalls noch bei der Jazzmusik zu beobachten, eine elitäre Angelegenheit. Verwissenschaftlichung bedeutet bei uns immer Verkrampfung. Darum wird die angelsächsische Wissenschaftskultur hier vielfach nicht ernst genommen, weil sie vergleichsweise locker daherkommt.

Sie wurden als Spezialist hinzugezogen, als der Zeichner Gerhard Seyfried in München angeklagt wurde. Man warf ihm »Aufforderung zu einer rechtswidrigen Tat« vor.
Erstaunlich, daß die mich, damals noch ohne Professorentitel, vor Gericht zugelassen haben. Ich stand als einziger Zeichner im Schuldienst, hatte einen seriösen Job und als solcher Kredit vor Gericht. Der Sachverhalt war haarsträubend. In München fand gerade die Nahverkehrsrevolution mit computerisierten Fahrkartenautomaten statt. Die Subkultur hatte eine Möglichkeit entdeckt, umsonst den Apparat zu bedienen. Die wurde mit diesem Comic verbreitet. Seyfried ist gewarnt worden und hat das dann ganz vorsichtig im Münchner ›Blatt‹ gezeichnet. Es reichte trotzdem. Aber beweisen konnten sie ihm nichts.

Auf die Frage: »Was ist politische Karikatur?«, antworteten Sie: »Eigentlich ist jede Zeichung politisch.«
Dieser Satz war eine späte Reaktion auf die Verengung des Politischen in den siebziger Jahren. Man hatte das Politische überall entdeckt, nur in der Karikatur wurde der Begriff sehr eng gefaßt. Wenn heute jemand in einem Schmuddelschundblatt einen kleinen Chauviwitz macht mit einer Sexbombe, die abends in der Bar sitzt, wo gleichzeitig der Bodenkrieg beginnt, dann ist das auch politisch. Er wird seine Gründe haben. Im übrigen waren die ideologiekritischen Achtundsechziger in Deutschland ziemlich bilderfeindlich.

Nicht nur die Kunstwissenschaft, auch die Publizistik und die Geschichtswissenschaft interessieren sich für die Karikatur.
Die Historiker interessieren sich immer dann für die Karikatur, wenn es dokumentarisch um Zeitbilder ging. Meist ist die Karikatur durch ihr Erscheinen in der Tagespresse ein journalistischer Sachverhalt. Kollegen, die ich kenne, sitzen am Fax, neben sich den Kopierer. Die haben denselben Zeitdruck wie die Journalisten. Die Kunstwissenschaft nimmt sich der Karikatur an, wenn sie historisch geworden ist. Oder sie geht zu Leonardo da Vinci zurück, als es noch keine Presse gab. Die Karikatur als sogenannte »Gegenkunst«.

In der DDR mußte Kritik bisweilen so versteckt untergebracht werden, daß sie am Ende schwer erkennbar war.
Die Einschränkungen waren schon so stark, daß wir Westdeutschen das ganz einfach langweilig fanden. Porträtverbot für Politiker läßt sich durch andere Einfälle nur schwer einholen. Diese Anspielungen waren für uns unverständlich.
Die grafische Kompetenz der Kollegen ist jedoch bemerkenswert; sie genossen eine hoch seriöse akademische Ausbildung: Klaus Vonderwerth, Manfred Bofinger, Louis Rauwolf, Reiner Schwalme, die Veteranen im Satireblatt ›Eulenspiegel‹. Nach der Wende kommen die allerdings schwer von diesen altmodischen Praktiken runter. Die große Allegorie: der Fuchs, der die Gans schlachtet und ihr die Feden ausrupft – Unterzeile: Die Sache muß abgefedert werden…

Im ›Eulenspiegel‹ veröffentlichen nun aber auch Zeichner aus dem Westteil Berlins. Erich Rauschenbach ist da sehr rege!
Die würden alle nehmen. Bestimmt gibt es arrogante Westkollegen, die die Nase rümpfen würden. Erich ist eben ein Profi. Seine Figuren, seine kleinen Szenen reichen für die verschiedensten Stoffe aus. Interessant sind die Jüngeren aus dem Osten: Fickelscherer, der Manierist…

…der jetzt im Westberliner Stadtmagazin ›zitty‹ veröffentlicht.
Er zählt eben nicht zu den ›Eulenspiegel‹-Zeichnern. Die Jüngeren haben eine viel größere Bandbreite. Ihnen gehört, pathetisch gesprochen, die Zukunft.

Die gediegene östliche Karikaturistengarde bleibt dem ›Eulenspiegel‹ treu. Ihr »Feindbild« hat sich quasi nicht verändert: vom »Imperialismus der Nato« zur »sozialen Marktherrschaft«.
Ein ›Eulenspiegel‹-Karikaturist, der einen imperialistischen Revanchisten zeichnet, hat seinen Lebtag keinen solchen gesehen. Aber diese Marktwirtschaftler, die drüben die DDR aufkaufen, die sind sichtbar. Wenn die Karikaturisten ihr altes Arsenal benutzen, um solche Figuren als systemimmanent zu kennzeichnen…, ist doch prima.

Sind denn die bekannten deutschen Karikaturisten in der Tagespresse noch einfallsreich: Jupp Wolter, Walter Hanel, Horst Haitzinger? Sie verfremden doch mit ständig gleichen Mitteln.
Die sind verpflichtet, regelmäßig zu liefern. Was die machen, ist eine dramatische Kunst, das Inszenieren von Polit-Ereignissen, Haupt- und Staatsaktionen. Mächte und Ideologien werden personalisiert. Leute sieht man mit der Bauchbinde »Gewerkschaft«, »Marktwirtschaft« oder »Irak«. Ganz anders arbeitet Carl Giles im ›Sunday Express‹. Er bildet mehrere Ensembles aus Schichten der englischen Bevölkerung. Der Mann ist milieusicher bis zur letzten Türklinke. Politik in ihren Auswirkungen unten. Da kommen bei uns wenige ran. Viele der Alternativzeichner von den Stadtmagazinen sehen diese eingeschränkten Möglichkeiten und weichen in den Comic-Bereich aus.

Genoß die Karikatur im Golfkrieg eine besondere Freiheit?
Der Krieg lähmte auch die Karikatur. Vielfach war sie bloß Illustration der bestehenden Meinung. Was dort geschah, hatte doch etwas Apokalyptisches. Auf einigen Zeichnungen spielte der Tod Golf mit der Hippe und der Erdkugel, die bald im Loch ist. Das ist eine endgültige Formulierung. Da ist alles aus. Die Karikatur hat kapituliert.

Das »Bild als Waffe« – dieser Begriff entstand im Ersten Weltkrieg. Sind sie mit der Reaktion deutscher Karikaturisten auf den Golfkrieg zufrieden?
Dafür, daß es ein High-Tech- Krieg war, blieb es im Bereich des Konventionellen. Die Karikaturisten hatten auch wenig Übung, so einem Ereignis gerecht zu werden. Die Patentmotive wirkten bei vielen harmlos. »Bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe« – die Vermittlung des Krieges zu packen, war aufklärerischer, als ewig den Teufel Saddam an die Wand zu malen.

Vermutlich unzensiert durfte der englische Künstler John Keane als offizieller Schlachtenmaler seine Staffelei im Wüstensand aufbauen. Er handelte im Auftrag von Verteidigungsministerium und Kriegsmuseum.
Da können wir ja gespannt sein, was der Junge liefern wird. Sicher wäre das für die Karikatur ein ideales Motiv, wie Mister Keane im Wüstensand sitzt und nach Motiven sucht. Es gibt Beispiele von Kollegen, die im Zweiten Weltkrieg an der Front waren, aber ohne Zensur: Saul Steinberg, Ronald Searle. Bei den Deutschen gab es bei diesen Propagandakompanien Zeichner wie Hans Liska, die heroische Frontbilder anfertigten.

»Scharf schießen und genau treffen« mit schwarzem Humor will die französische Kriegszeitung ›La Grosse Bertha‹, genannt nach der berüchtigten deutschen Kanone aus dem Ersten Weltkrieg. Zu sehen unter anderem: Präsident Mitterrand, wie er mit einem Kormoran kopuliert und sich ganz selbstlos gibt: »Ich kümmere mich um die Witwe.« Freut sie so was?
Das freut mich riesig. Denn die Obszönität ist oft das einzige Mittel verschärfter Karikatur.

Interview: Harald Neckelmann

Quelle: die tageszeitung Nr. 3377 vom 10.04.1991, S. 17
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