Über F.W. Bernstein

Der Professor

oder Warum F. W. Bernstein noch kein unwürdiger Greis ist

Bitte bringen Sie Ihre Sitzlehne in eine aufrechte Position, stellen Sie das Rauchen ein und schließen Sie die Augen. Versuchen Sie nun, sich einen achtbaren Monsignore vorzustellen, Scheitel aus Haar und ein Schnäuzer mit Stutz, der Ihnen gegenübersitzt, Sie mittelscharf anblickt und dabei nicht zeichnet.
     Haben Sie?
     Dann haben Sie sich gerade nicht F. W. Bernstein vorgestellt.
     Der sieht zwar genau so aus – aber er zeichnet. Immer. Überall. Dauernd. »Skizzen vor Ort, das gehört zum G’schäft«, murmelt er leis’ beiseite, da ist er auch schon beim Nächsten. Mit Ihnen ist er fertig. Jetzt ist schon Ihr Nebenmann dran, dann Ihre Nebenfrau, das Vorderkind, die Hinterbäume, alles, was bei drei nicht auf denselben ist. Sie können also ruhig wieder rauchen.

Der Maler und Zeichner, Dichter, Satiriker und Herausgeber F. W. Bernstein hat im Kollegium der Neuen Frankfurter Schule in vieler Hinsicht eine Sonderstellung: Er ist nicht nur der einzige, aus dem was Ordentliches geworden ist, er ist auch der einzige, der bis heute sein Pseudonym beibehalten hat, als Berlin-Resident ist er der einzige Auswärtige, er ist der einzige Mann seiner Frau Sabine und es ist sein Werk das im Gruppenkreise mit sicherem Abstand Sperrigste und Eigenartigste.
     Schwer sind Autor und Zeichenkünstler F. W. Bernstein einzuordnen. Beide sind derart versiert, vielseitig und multifunktional – da können einem mitunter die Worte fehlen. Vor allem, wenn man zur Kritikerwirtschaft gehört: die ist angesichts der vielgestaltig funkelnden Bernstein-Pracht oft heillos überfordert; und hat sich deshalb darauf verständigt, den Berliner Hochkomiker bestenfalls als Randerscheinung wahrzunehmen.
     Was bestenfalls skandalös ist. Denn schon rein äußerlich ist dieser beispielhaft gepflegte Herr, der im wirklichen Leben Fritz Weigle heißt und pensionierter Professor für Karikatur und Bildgeschichte an der Berliner Hochschule der Künste ist, keine Rand-, eher eine Runderscheinung, nämlich eine rundum respektable.
     Und schwer zu packende: abermals so ein frappanter Fall von Doppelbegabung. Bernstein macht komische und gerne auch »exprmntelle Lürik«, seine Experimentierlust als Stricher kennt keinerlei Grenzen noch Konventionen, weswegen der Nonsens-Forscher Peter Köhler in seinem jüngst herausgegebenen Bernstein-Buch Der Untergang Göttingens und andere Kunststücke in Wrt & Bld (2001) zu dem Schluß kommt: »Eigentlich müßte er so berühmt sein wie Robert Gernhardt.« Darin können wir Herrn Köhler aber kaum folgen, denn freilich ist F. W. Bernstein genauso berühmt, wenn nicht sogar noch berühmter als sein langjähriger Freund, Weggefährte, Mitbewohner und Mitarbeiter Robert Gernhardt. Nur halt nicht so bekannt.
     Es dichtet und zeichnet unser Mann, was die Stifte nur hergeben; davon abgesehen trägt er jedoch wenig, ja nichts dazu bei, den eigenen Ruhm zu mehren. Im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen, die recht versiert auch von sich selber und dem eigenen Schaffen sprechen, spricht Bernstein selten über sich – lieber über andere, zum Beispiel recht versiert über seine Kollegen und deren Schaffen. Als wenn es das eigene nicht gäbe. »Ich bin besser im Bewundern als im Bewundertwerden«, sagt Bernstein und schaut bewundernd ins Nichts, weil ihm gerade mal wieder Worte von einem Kollegen einfallen: »Mir geht’s anders als es in Gernhardts Gedicht heißt: ›Kein Schwein will mehr rühmen‹ – ich rühme viel lieber.«
     Da ist er wenigstens nicht der einzige. »Ein besessener Zeichner«, rühmt ihn respektvoll der besessene Maler Hans Traxler, und da springt ihm gleich Freund Waechter bei: »In unserer gemeinsamen Dreier-Arbeit war er immer der gnadenloseste, amüsanteste und verblüffendste Anreger.« Cheftexter Eckhard Henscheid hingegen, der »den reifen F. W. Bernstein« schon früh als Figur wie als Koryphäe in die Fachliteratur eingebracht hat (und 1994 bei Reclam das Best-of-Bernstein-Bändchen Reimweh herausgegeben hat), sieht in ihm den »Cheflyriker« des Frankfurter Verbandes. Bernstein-Poesie und -Prosa lese er, Henscheid, »seit gut zehn Jahren täglich. Und auch seit fünfundzwanzig Jahren dick schon.« Leider aber sei der reife FWB »ein unverbesserlicher Sich-klein-Macher«, moniert Henscheid – ja »regelrecht ein Problemfall«, übernimmt nun Bernd Eilert, »denn Bernstein zieht sich gerne zurück und stellt sein Licht so lange unter den Scheffel, bis ihn jemand über den grünen Klee lobt«.
     Während der Gelobte konsequenterweise nur von dem »Glück« spricht, »manchmal dabei sein zu dürfen«, wenn etwas Komisches entstehe. Solo, als Bernstein allein zu Haus, da glücke ihm ja nur »gelegentlich« etwas, da kenne er seine Grenzen ganz gut, um so mehr freue er sich da über die ihm zugerechnete Zugehörigkeit zur Neuen Frankfurter Schule.
     Nanana, Herr Bernstein, jetzt ist aber gut! Wer hat denn den Zweizeiler erfunden? Den Zweizeiler überhaupt und schlechthin, den Vater aller Verse, die Mutter aller Xenien? Wer war es denn, dem mal »ein Zweizeiler wie der da« gelungen ist?
     Wie? Wie welcher? Na, wie der da: »Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.« Der Reim, der schon bald nach Erfindung in die »sprachliche Umlaufbahn« (Bernstein) geraten und sprichwörtlich geworden ist; selbst Bild brachte ihn als Tagesspruch, in Todesanzeigen tauchte er auf, wurde Brecht angedichtet oder als finnische Spruchweisheit präsentiert, oft auch Gernhardt zugeschrieben, ebenso wie Traxler oder Henscheid. Aber war er denn nicht stets und immer ganz der Ihre, Herr Bernstein?
     Und wer hat denn, wenn ich fragen darf, bereits im September 1964, in der ersten Ausgabe der Welt im Spiegel und dortselbst in der Disziplin freie, unverbundene Nonsens-Rede die Latte aus dem Stand von Null auf Achtfuffzich gelegt? Indem er den wissenschaftlichen Aufsatz ›Haben wir zu viele Dimensionen‹ mit dem wundersamen Kapitelchen einleitete: »Der Hektar – Bei den alten Griechen galt er als Göttergetränk, in neuerer...« Den schönen Rest lese bitte jeder selber nach.
     Und wer hat denn im Rahmen seiner aufopferungsvollen Arbeit im Komikforschungslabor das von Einstein bezeichnenderweise nie entdeckte »Gesetz von den drei großen G der Karikatur« aufgestellt und auch sofort formuliert? »Gritik, Gomik und Graphik« – nur darauf kommt’s doch an! Und kein anderer als Professor Weigle-Bernstein hat’s entdeckt. So viel Lorbeer wächst überhaupt nicht, wie man dem wackeren Witzforscher dafür übers Haupt winden wollte, sollte und müßte!
     Entschuldigen Sie bitte die Rage, aber es ging grad nicht anders.
Mit einem Dasein als Lehrer, Forscher und Vermittler war der stets bescheidene Bernstein wohl immer sehr zufrieden. Der freie Markt erschien ihm zu ungewiß, zu unsicher. »Ich war nicht couragiert genug«, meint er, außerdem könne er viel besser »nebenher was machen«. Hervorragende Arbeitsbedingungen – freier Tisch, freier Raum, freie Tage – seien seine Sache nicht, da käme nichts bei raus. Im heimischen, engen Kabuff dagegen, unter Termindruck, abends, nachts und heimlich nebenher – das sei was anderes. Da könne schon mal was gelingen. Und da sehe auch niemand, was er alles wegwerfe, bis mal was übrigbleibt…
     Halten Sie, Leser, eigentlich noch die Augen geschlossen? Ja? Gut, dann müßten Sie ihn ja immer noch sehen: den hageren und schönen reiferen Herrn, der da in seiner Küche sitzt in Berlin-Steglitz, tief in den Tee blickt, plötzlich lächelt und erklärt, daß er die Position als Außenbeobachter bzw. Berliner Korrespondent durchaus zu schätzen wisse: »Teilweise sehe ich die Frankfurter Freunde öfter als die sich gegenseitig – aber dafür bekomme ich hier von den Reibereien überhaupt nichts mit.«

»Ich wurde am in als Sohn des und der geboren. Das war 1938«, eröffnet Fritz Weigle-Bernstein seinen autobiographischen Kleinstaufsatz ›Der Zeichner als Mensch‹. Heutige Forschungsergebnisse legen nahe, daß dies in den deutschen Südstaaten geschah, im schwäbischen Göppingen, der Stadt der Märklin-Eisenbahnen und der Stadt, aus der vor Bernstein schon der Satiriker, Kaufmann, Kommunist und Karikaturensammler Eduard Fuchs kam – sein Mitgöppinger FWB hat ihm, dem »Sitten-Fuchs«, dafür eine schöne Moritat geschrieben.
     Der Vater ist Stellmachermeister im Sägewerk, von dort bringt er zu Kriegszeiten Sperrholzplatten mit nach Hause: »Erste Zeichnungen auf jenen fenstergroßen Verdunkelungsplatten aus dünnem Sperrholz mit dem dicken Zimmermannsbleistift. Mein Vater hat mich dabei auf dem Arm getragen.«
     Auf dem Hohenstaufengymnasium gilt Weigles Fritz als guter Schüler (»Ich war schön dumm damals«) – daß er im Unterricht auch Lehrerkarikaturen anfertigt, bleibt jedoch unbemerkt. Vorträge eines Volkshochschulmannes führen den Frühreifenden an das Œuvre von Brecht und Tucholsky heran, und wenn alte Schellack-Platten vorgespielt werden, blickt Fritz bewundernd die alten Säcke neben ihm im Saale an, die das alles schon viel länger kennen dürfen als er selber.
      Im Studium beginnt er damit, Lästigkeiten nicht nur zu karikieren, auch zu parodieren. Kleine Satiren auf Kunstbetriebliches, Referatsparodien und dergleichen machen das Leben doch gleich viel lustiger. Es wundert sich Weigle nur, daß das nicht alle machen. Die Kommilitonen finden seine ersten Komikunternehmungen jedenfalls – ja: komisch.
     Der Anlaß war – im Gegensatz zum Berufsärgerer Poth – jedoch weniger die kämpferische Wut über Bestehendes als »die Lust daran, sich über die Wirklichkeit lustig zu machen, sie noch zu überbieten«. Es ging ihm gar nicht, sagt heute der Gereifte, ums Aufarbeiten, ums Kompensieren: »Ich hatte unter den Erwachsenen nie gelitten. Mein Vater starb während des Krieges, und auch mein Stiefvater war kein Nazi – er war alter Linker und Antifaschist, der nur deswegen überlebte, weil ein guter Freund der Familie Gestapo-Chef in Göppingen war und diesen verwarnte, wenn er in der Kneipe die Wehrkraft wieder allzusehr zersetzt hatte.« Und fast entschuldigend fügt Bernstein hinzu: »Ich hatte immer das Gefühl, den Erwachsenen alles zu verdanken.« Wenn wir diesen Erwachsenen letztlich das Bernsteinsche Werk zu verdanken haben, dann haben wir ja gar nix daran auszusetzen.
     Nur einer bleibt ratlos zurück: der Meister himselber. »Mir ging ein wesentliches Element ab, was die anderen alle hatten – die Frechheit.« Da erleben wir freilich wieder den Großmeister des Sich-klein-machens, denn sein über die Jahre hinweg vorexerziertes, rastlos betriebenes Verstoßen gegen althergebrachte Sprach- und Bildkonventionen, das geht doch ohne eine doppelte Portion Frechheit überhaupt nicht.
     Eine lange Wegstrecke legten Bernstein und Gernhardt gemeinsam zurück. »Ich habe am meisten von ihm und mit ihm zusammen gelernt«, sagt Bernstein von dem zunächst noch jungen Mann, dem er 1956 in der Stuttgarter Kunstakademie gelegentlich über den Weg läuft. Zwei Jahre später wechseln beide nach Berlin. »Von da ab«, berichtet nun Gernhardt, »verliefen unsere Studiengänge und Lebenswege einige Jahre lang so gut wie synchron: 1960 Rückkehr nach Stuttgart, Frühjahr 1961 Kunsterzieherprüfung, Winter 1961 Wiederaufnahme des Graphikstudiums in Berlin bei gleichzeitigen Germanistikstudien an der Freien Universität, 1964 Prüfung im Beifach Deutsch« – und im April fangen beide in Frankfurt bei Pardon an.
     Aber halt: Noch sind wir in Berlin. In der Frontstadt und mitten im Kalten Krieg. Wofür die beiden angehenden Lehrer jedoch weder Augen noch Ohren haben. In Berlin nämlich, berichtet Kommilitone Gernhardt, »sahen wir uns vor allem in ein dreifaches Studium verstrickt: das der Kunst, das der Germanistik und das der Weiber«. Welches bekanntlich eines der schwierigsten und langwierigsten überhaupt ist. »Da beschäftigte weniger das Los der 17 Millionen Brüder und Schwestern hinter dem Eisernen Vorhang als die Frage, wie eine ganz bestimmte Schwester dazu zu bringen sei, sich doch bitte, bitte die neuen Radierungen anzuschauen. Und da brach sich vor allem jenes vollkommen zweckfreie, zeitlose und spaßversessene Mitteilungsbedürfnis Bahn, ohne das wohl keine komische Karriere jemals gestartet worden ist.«
     Dort, in der mehrfach behausten Sechszimmerwohnung in der Habsburgerstraße 7 – das Wort Wohngemeinschaft gibt es noch nicht – starten also gleich zwei komische Karrieren. Über Wochen, ja Monate hinweg werden einzelne Witzthemen durchkonjugiert, und wenn es an Papier mangelt, werden sogar die »einladend weißen Kacheln« des großen Atelier-Kachelofens mit Entwürfen und Scribbles bemalt.
     Einen Manuskriptstapel mit Scherzen und Ideen zum Thema »Kunstdiebstahl und Kunstfälschung« hat man auch schon fertig: ›Es geht nicht mehr ohne Rembrandt – Anleitung zum Kunstdiebstahl und zur Kunstfälschung von F. W. Bernsteyn und Lützel Jeman‹. Aus Ratlosigkeit, wohin man dies Paketchen denn schicken könne, suchen die Jüngstsatiriker in einer Buchhandlung um Rat und entdecken – allein auf komischer Flur – die ›Schmunzelbücher‹ des Bärmeier & Nikel Verlages. Von der Buchhändlerin läßt man sich die Adresse des Verlages geben und sendet ein. Recht schnell kommt Antwort: ein Buch wolle man aus den »Studentenspäßen« (Bernstein) zwar nicht machen, man sei jedoch gerade dabei, eine satirische Monatszeitschrift zu gründen, und dafür lasse sich die Einsendung hervorragend verwursten. »Einwände hatten wir keine, und so wurde aus der ersten Einsendung auch gleich die erste Veröffentlichung« – was bis heute für einen beziehungsweise zwei Berufsanfänger ein sehr guter Schnitt ist. »Wir wurden vom Fleck weg gekeilt«, erinnert sich Bernstein, »wir sollten nach Frankfurt kommen.«
     Am 1. April, knappe acht Tage nach bestandener Prüfung, sitzen die beiden Freunde in der Frankfurter Pardon-Redaktion, verdienen je 800 Mark im Monat und dienen je hälftig der Zeitschrift als Redakteure und dem Verlag als Lektoren. Im Nachhinein zum rechten Ärger Bernsteins: Dumm sei das gewesen, eigentlich hätte man nach dem Studium eine Auszeit nehmen, hohe Berge, tiefe Wälder und sonnige Strände bereisen, ferne Länder und fremde Weiber entdecken sollen.
     Aber nein, man ist fleißig, wird mit F. K. Waechter zum Trio und zieht es vor, die gedruckte Komik neu zu erfinden: Noch im ersten Trio-Lebensjahr entsteht die erste WimS, 1965 der erste ›Pardon-Workshop‹ von Bernstein/Gernhardt zum Thema »Eulen nach Athen«, im Jahr darauf erscheint das maßstabsetzende Tripelwerk Arnold Hau – und Bernsteins bürgerliche Existenz Fritz Weigle sauber gekämmt zum Referendariat an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Frankfurt-Sachsenhausen. Zufällig ist es genau die Schule, an der 1922 ein gewisser Theodor Wiesengrund, der später Adorno sich nannte, sein Abitur ablegte. Dessen in feinstem Sütterlin, fehlerlos und ohne Konzept geschriebener Abitursaufsatz (Note 1) findet sich in einem Leitzordner in der vollgerümpelten Teeküche der Schule.
     Von nun an gibt es zwei Lebenswege zu verfolgen: den des Dichters und Zeichners Bernstein, der weiterhin regelmäßig die Welt im Spiegel und das Stammblatt Pardon mit Beiträgen versorgt, der 1976 gemeinsam mit Robert Gernhardt den Gedicht- und Cartoonband Besternte Ernte veröffentlicht, der 1981 mit Reimwärts den ersten eigenen nachlegt, bevor unter anderem Sternstunden eines Federhalters (1986), Lockruf der Liebe (1988) und Die Stunde der Männertränen (1995) folgen.
     Unterdessen wird der Pädagoge Weigle 1968 Assessor in Bad Homburg, just zu der Zeit, da der »Bürgerkrieg im Klassenzimmer« gerade voll entbrannt ist und die antiautoritäre neue gegen die autoritäre Old school kämpft. Ein Jahr später erscheint bei Bärmeier & Nikel Die Lehrprobe – Report aus dem Klassenzimmer, in dem der Referendar Weigle direkt von der Frontalunterrichstfront berichtet.
     Denn wer da etwas bewegen und Neues, gar Spaßiges ausprobieren will, der hat es nicht leicht. »Wir kamen ja eher von der Komik her. Aber anfangs war die Studentenbewegung noch reines Pathos. Erst als die Spontis kamen und WimS-Zitate in ihre Slogans einflochten, wurde es für den Referendar Weigle interessanter. An den Schulen war einerseits Aufbruchsstimmung durch viele junge Referendare und Junglehrer, andererseits noch der Muff von tausend Jahren.« Weil er seinen Schülern einmal die Aufgabe stellt, Mörikes ›Feuerreiter‹-Gedicht zu parodieren, wird Weigle umgehend zum Direktor zitiert. Sein Hinweis, daß es die Parodie als eigenständige Kunstform schließlich schon lange und bestens eingeführt gebe, wird von Direktorenseite auch entschieden bejaht, sicherlich gebe es etwa die ›Sächsische Glocke‹ und viele andere Parodien, das sei ja schon Literatur geworden – selber dürfe man jedoch die Klassiker nicht durch Albereien entehren. So steht‘s in Weigles Referendars-Tagebuch. Konsequenterweise wird diese praktische Innenansicht der Schule und ihres Systems von den draußen tobenden Pädagogik-Matadoren, die die Revolution in der Schule verlangen, überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.
     Mitte der Siebziger übersiedelt der Kunsterzieher Weigle mit Frau Sabine und den Kindern Konrad und Johanna nach Göttingen, und kraxelt vom »Wiss. Ass.« über den »Akad. Rat« und »Oberrat« bis nach oben zum ordentlichen »Prof.« mit C 3-Professur in Berlin. Eigentlich ist Weigle 1982 nur für eine Gastdozentur an die Hochschule der Künste geholt worden, zwei Jahre später allerdings wird ebendort die bundesweit erste und einzige »Professur für Karikatur und Bildgeschichte« geschaffen, ein Ruf erschallt und – Weigle zaudert nicht und nimmt ihn an. 1999 erschallt ein weiterer, der in die Freiheit, Weigle nimmt abermals an und wird ordentlicher Pensionist. Dichter und Zeichner freilich ist er, von der akademischen Karriere völlig unbeeindruckt, als FWB immer geblieben.
     »In seinen ersten Jahren, ab 1963, war Bernstein, dieser windige Geist, zuständig für U-Graphik und Satire. Noch war er arg unbeholfen und ein schwerfälliger Nesthocker und sollte doch einst den Fritz Weigle überflügeln, der, seinerseits als schwerer Maler und Radierer zu doof, um die Pop-Art zu erfinden, sein Bernstein-Ich nach Kräften behindert hat. Was an Bernstein-Zeichnungen in den ersten Pardon-Jahrgängen erschien, war herzlich schlecht«, schreibt, sich – das kennen wir ja schon – herzlich klein machend, Fritz Weigle in einem Aufsatz ›Über den Zeichner, Herausgeber und Gedichtemacher F. W. Bernstein‹.
     Bleiben wir dennoch ein wenig beim alter ego.
     Dem Vernehmen nach soll der Professor Weigle ein guter gewesen sein. Selber hatte man ja leider nie das Vergnügen, von ihm in der Kunst des Gritzelns, Glecksens und Garikierens unterwiesen zu werden, der großen G selbdritt immer eingedenk. Ist es denn eigentlich schwer, Zeichnen zu lernen, Herr Professor?
     »Zeichnen lernen ist ganz einfach, ziemlich schwierig, langwierig, anstrengend, überflüssig, unnötig, angesagt, total gut, unheimlich beschissen, verdächtig, notwendig, jugendgefährdend, heilsam, sinnlos, genau das Richtige – ganz wie Sie meinen. Zeichnen lehren ist meist einfacher und einfältiger. Besonders die Zeichenlehrer wissen oft genau, wie’s geht. Sofern sie nicht zu viele didaktische Fachliteratur lesen.«
     Das wird schon der junge Referendar kaum gemacht haben, eher, so bleibt anzunehmen, hat er den Rangen freie Zeichenhand gelassen. Bald jedenfalls schreibt ihm ein Schüler ins Klassenbuch: »Der Unterricht ist etwas zu antiautoritär. Wenn Sie die Klasse etwas mehr in Zucht hätten, würde es mehr Spaß machen. So nicht.«

Der sonst so zurückhaltende, höfliche und distinguierte Herr, der als Weigle wie als Bernstein praktisch immer die Contenance bewahrt, kann freilich durchaus rot sehen, aus der Anzughaut fahren und keine Verwandten mehr kennen, ganz gleich, ob sie nun Weigle, Bernstein oder sonstwie heißen. Dann nämlich, wenn es ans Eingemachte geht, ums große und ganze: um die Lage der Zeichnung in diesem unserem Lande.
     Da könnte vieles, ach was, fast alles besser bestellt sein: »Den Wettlauf der Künste hat die Musik gewonnen. Jeder kann heute auf Anhieb zehn Lieblingsbands oder -komponisten benennen, jede Plattenkritik ist extrem kennerhaft. Aber in der Karikatur, dem graphischen Pop: null! Keiner kennt sich aus!«
     Warum nur? Ist das Mißachtung? Von wegen: »Keiner wird sagen, er mißachtet es. Jeder wird sagen, wie wichtig das ist, das Zeichnen, das Cartoonieren und Karikieren. Es fehlt aber eine Vermarktungsindustrie, es fehlen die Stars.« Ein Status, den hierzuland allenfalls Loriot oder Brösel haben. »Unsere Zeitungen und Illustrierten«, wütet Weigle munter weiter, »räumen kaum Platz für Zeichnungen ein – dafür aber auch kein ordentliches Honorar. Obwohl die zeichnerische Potenz durchaus vorhanden ist.« Was der Mann als vorgeschobener Potenzbeobachter und -förderer schließlich wissen muß. »Die Fotomafia ist da viel stärker und angesehener.«
     Zum Heulen und Zähneklappern, zum Davonlaufen seien sie doch, die meistens auch noch so genannten Humor- und Witzseiten in deutschen Zeitschriften: »Humoristische Fertiggerichte, aufgewärmt und angerichtet wie auf so einem Kantinen-Freß-Tablett.« Und ewig wird das immer Gleiche aufgetischt, kaum werde Neues serviert. Die großen Blätter von Zeit bis Frankfurter Rundschau, Jahr um Jahr schleppen sie ihre altgedienten Pfründeninhaber durch, der Generationswechsel fehle. »Es gibt immer weniger junge Zeichner, die Begabten gehen meistens gleich ins Graphik-Design-Geschäft. Erst zwischen 30 und 40 ist eine gewisse Masse an Zeichnern da.« Aber beileibe keine große, eher eine kritische.
     Dabei ist doch der gute Cartoonist der vielleicht einzige, der uns mit Punkt, Punkt, Komma, Strich zeigen kann, wie’s ist: »Was er vollbringt mit seinem Strich, / verstehen er und Sie und ich / macht uns die Welt schlagartig klar / man nickt, man schnauft: ›Ho! Ist doch wahr! / Da schau Dir’s an, der zeigt, wie’s ist!‹ / Das ist ein guter Cartoonist.«

Der Zauberzeichner F. W. Bernstein ist nicht von dieser Welt. Die seine ist bunt und rund und ruht in einem Meer von tiefen Tinten: »Die Insel Zeichenau – ein Land, das ferne leuchtet? Nein, ein durchaus alltäglicher hiesiger Bereich voll der merkwürdigsten Machenschaften. Fast überall und zu allen Zeiten wurde unter anderem und vor allem, nachher, anstatt, während und trotz alledem gezeichnet.« So lautet einer der ›Vorsätze‹ zu Bernsteins gewaltigstem, gigantischstem, magischstem, monströstestem und monumentalstem Werk: Bernsteins Buch der Zeichnerei (1989) heißt es, ein »Lehr-, Lust-, Sach- und Fach-Buch sondergleichen« ist es, wie der Herausgeber selbstbewußt im Untertitel vermerkt.
     Schwer nötig war diese großformatige und faustdicke Strichkunstbibel. Denn »einmal abgesehen von Zierfischzucht, Maschinenbau, Liebe, Alltag, Kernkraftwerken, Tischfußball und Krieg und Frieden gibt es, möchte ich meinen, keinen anderen Tatbestand, über den so viel Unfug geschrieben wird wie über die Zeichnerei.« Wohl wahr – schließlich hat fast jeder schon mal irgendwann irgendwo ein Comicheftchen in Händen gehabt, und da die Zeichnerei im deutschen Lande alles andere als ein Hochkunstbereich ist, darf auch jeder seinen Senf dazugeben. Aber an Schelte ist Bernstein nicht gelegen; begeistern will er, nicht belehren: »Nicht zerlegen, auseinandernehmen und analysieren werd ich die Zeichnerei, sondern am Stück feiern und zur Sprache bringen, wo’s bloß geht und so gut ich kann.«
     Daß er’s kann, dafür stehen 530 opulent bedruckte und höchst vergnügliche Seiten mit Aufsätzen und Anekdoten von Zeichnern und über Zeichner, mit Werkstattberichten, Witzanalysen und Strichbeispielen von der Höhlen- bis zur Gefängniswandzeichnung, von Buonarroti über Barks bis Brösel, von Searle, Sempé und Steinberg über Feininger und Ffolkes bis Crumb und seinen Vorvater Caracci. U. v. v. v. a. m.
     Explizit erforscht wird beispielsweise der lange Zeit zu Unrecht unbeachtete Schnörkel, wir lernen ›Die 11 schönsten Bildgeschichten, die ich kenne‹ kennen, dem Problem des Jacke- wie Hose- und überhaupt Kleiderzeichnens wird nachgegangen und der legendäre Federhändler Mr. Poole vorgestellt. Und ganz genau gemessen wird auch: »mit Stoppuhr und Kilometerzähler«, was die überraschende Erkenntnis zu Tage fördert, daß man selbst beim Schnellzeichnen die Feder im Schnitt nicht schneller als im Fußgängertempo übers Blatt führt: mit ca. 6 km/h. »Viel rascher hatt ich mir’s vorgestellt, diesen geschwinden Schlenker und Schwungstrich«, wundert sich der Geschwindigkeitskontrolleur Bernstein nicht wenig.
     Wir wundern uns lediglich, daß das wuchtige Wahnsinnswerk nicht längst in jedem sagenwirmal zweiten bundesdeutschen Haushalt fest installiert ist, und zwar da, wo es hingehört: aufrecht zwischen Waechters Mich wundert, daß ich fröhlich bin und der dicken Wilhelm-Busch-Bibel. Mindestens ebensogut machte es sich aber auch zwischen Vasaris Lebensbeschreibungen und der phänomenalen Weltgeschichte der Kunst des DuMont-Verlages. Wer diese zwei paar Bücher hat, mache bitte keines zu Geld, sondern leihe sich welches und besorge sich, hier nochmal zum Mitschreiben: Bernsteins Buch der Zeichnerei. Da ruht Segen drauf – vorausgesetzt, es wird neu aufgelegt.

Außerdem verschafft das prächtige Buch einen brauchbaren Überblick über des Zeichners eigenes Schaffen: Viele schöne Bernsteins sind da versammelt – besonders dankbar ist man für die Serie von Personen-Studien ›Aus Utes Kartei‹ – , viel zu wenige gleichwohl, um auch nur annähernd einen Begriff vom Bernsteinschen Zeichnerkosmos zu geben. Der großformatige und teils farbige Renommier-Band Der Blechbläser und sein Kind (1993) hilft da deutlich weiter, vor allem, wenn er von der zierlichen und ganz becircenden monothematischen Bildprozession Wenn Engel, dann solche (1994) sekundiert wird – dann können Sie ungefähr ahnen, woher die Tinte weht, was The Great Experimentator mit seinen feingliedrigen Zeichner- und freilich auch Pianistenfingern zu leisten imstande ist.
     Wie es sich anhört, wenn er mit Eckhard Henscheid vierhändig Brahmswalzer hämmert, wissen wir leider nicht; wie es sich anschaut, wenn er einhändig ausholt, dabei eindeutig visuelle Absichten hat und dann voll die Zeichensau rausläßt – das sollten gerade Sie zu Hause unter den Lampenschirmen durchaus gesehen haben!
Lassen Sie sich überraschen: Pasticcios, Kreiden und Guachen, Maquetten, Scribbles, Aquarelle zaubert Bernstein auf die Schnelle, ritzt Prospekte, zeichnet Skizzen auf denen Leute stehn und sitzen, laviert, schraffiert und krayonniert, mit Ruß und Sepia wird tuschiert, mit Tinte, Tusche, Wachs und Blei, mit Tempera aus Öl und Ei, aus Pigment und Weizenbier auf Ingres- oder Pauspapier, mit Feder, Spatel, Stift und Kiel, mit Schwung, Esprit und viel Gefühl, mit einfach allem drum und dran – so schaut Sie ein Bernstein an.
     Wenn Kollege Waechter die flirrende, oszillierende Schraffur zu seinem Markenzeichen gemacht hat, dann FWB die akribisch ausgerichtete, parallele und flächige Schraffur. Klar und rein wie ein Architektenentwurf können seine Stricheleien bisweilen wirken, im Seitenumdrehn sieht man aber schon das Gegenteil: schräge Schriften und forsch gefärbte Pixelparks, expressiv geschleuderte Bildfluchten, jäh stürzende Perspektiven – wie wenn ein starker Magnet hinter dem Papier die Zeichnung zum Zentrum hin verdichtete, in ein unsichtbares schwarzes Loch hineinzöge. Kann man Bernsteins Zeichnerei überhaupt in Worte fassen? Ein Problem, das der Meister selbst so gut kennt, daß er es richtiggehend liebgewonnen hat: »Mein Lieblingsproblem ist aber: Was bitteschön ist bei Zeichnungen der Rede wert? Was ist der Sprache zugänglich?« Gute Frage – die nächste bitte.
     Warum sind diese Kleinkunstwerke obendrein noch komisch? Warum reizen sie auch noch zum Lachen? Gut, das waren schon zwei Fragen, Bernstein kommt jedoch mit nur einer Antwort aus: »Der Stoff aber, über den gelacht wird, der ist sichtbar und benennbar, damals wie heute ist es der zeitgenössige Alltag, das durchaus Gewöhnliche, Normale, Durchschnittliche – das ist verrückt genug.« Beweis: die Leute. Die nämlich zeichnet Bernstein am liebsten. Als einzelne, als Gruppe oder in Form staunenswert langer Portraitfolgen, wie sie etwa in seinem zusammen mit Manfred Bofinger gezeichneten Berliner Bilderbuch brominenter Bersönlichkeiten (1999) zu sehen sind: ein Reigen von fast 300 Personen, die einzig und allein ihr doppeltes Namensinitial B. B. verbindet.
     Leute, Leute, nix als Leute: »Folgende Thesen sollen sollen – wie sagt man? – den komplexen Problembereich strukturieren: 1. Leute bevölkern den Alltag. 2. Auch in vielen Bildern kommen sie vor. 3. Gezeichnet erweisen sie sich oft als haltbarer als in echt. (...) 7. Leute kommen nur in der Mehrzahl vor. Ein einzelner Leut soll in den zwanziger Jahren mal in Bochum ... doch das ist fragwürdig. (...) 12. Es gibt keine zwei gleichen Leute. 13. Und sie werden nicht alle.«
     Und würden die Leute doch alle, dann stürzte sich Bernstein flugs auf die Fauna. Wie Freund Gernhardt ist er ja ebenfalls ein großer Tierzeichner. Eine Passion, die äußerst ernst zu nehmen ist: »Zeichne nie ein Tier zum Spaß / Tust Du’s trotzdem, merk Dir das: / streng geschützt vor Deinem Strich / sind der Kauz, das Huhn und ich. / Zeichnest Du von uns auch nur / eine Spur von der Kontur / werden ich und Kauz und Huhn / Dir etwas zuleide tun.« Worauf wir es natürlich nie ankommen lassen wollen würden, Herr Bernstein!
     Jedes Bild und jeder wie suchende Strich belegt: Es ist die blanke Neugier, die den Zeichner Bernstein umtreibt. Während etwa Poth und Traxler eher vom Einfall herkommend zeichnen, läßt sich der Linien- und Leuteforscher Bernstein gern von seinem Strich entführen, von der Feder in die Ferne tragen. Komik und Kunst machen sich selbständig, ohne Hinter- oder gar Verwertungsgedanken, manches bleibt erratisch, verschroben, schleierhaft. Was der Zeichner sehr gelassen sieht: »Prima Ausstellungsware, sieht gut aus, wenn eine ganze Wand davon voll ist – aber für Zeitungen, fürs rasche Rezipieren ist das oft nichts.« Oft aber halt schon. Hunderte von Cartoons, vor allem die frühen und ragend komischen Dyaden seiner Text-Bild-Geschichten – die sehen doch absolut gut aus. Und rasch rezipiert sind sie auch noch! »Ich tu, was ich kann«, sagt der Herr Professor, bescheiden wie immer, »doch wenn ich erst kann, was ich tu, dann wachs ich heran zu einem unsrer größten Federhalter und Strichführer …

Allerdings wollen wir über all der Stricherei einen bittschön nicht übersehen: den Kulihalter und Dichtführer F. W. Bernstein, den so wendigen wie witzigen Satiriker, den fleißigen Herausgeber.
     1982, zum hundertfünfzigsten Todestag Johann Wolfgang von Goethes, erscheint das 1159 Seiten mächtige Kompendium Unser Goethe, ediert von den Zitatenjägern und Stellensammlern F. W. Bernstein und Eckhard Henscheid, ein bescheiden nur »Lesebuch« untertiteltes Universalwerk, das praktisch alles ausbreitet, was jemals an freiwillig und unfreiwillig Komischem, Überkritischem, Peinlichem, Merkwürdigem, Bizarrem und Absonderlichem von der und über die weltberühmte Weimarer Geheimratsecke geschrieben, gedichtet und gemutmaßt wurde. Mindestens bis zu Goethes dreihundertstem Geburtstag kann man darin schwelgen und sich erlesen, ohne daß einem langweilig werden würde.
     Des Professors »Lieblingsteamarbeit« mit Henscheid ist aber noch immer die wunderbare kleine Glossensammlung TV-Zombies (1987), in der der komische Autor Bernstein zeigt, zu was Fernsehen doch gut sein kann: zum gräßlich häßliche Menschen und Sendungen anschauen, um schön lustig darüber zu extemporieren. Von Karl-Heinz Köpcke (»Herr Oberkörper mit dem sprechenden Kopf«) über »Guido ›Null‹ Knopp« bis Wim Thoelke (»Da kommt er aus den Kulissen geschossen – wie von Kolossen geschissen«) und knapp zwei Dutzend anderen medialen Plagen sind alle dort versammelt, die ohne dies Büchlein an Goethes Dreihundertstem längst vergessen wären. Ein Vademecum für jene, denen Unser Goethe zu schwer und Bernsteins Buch der Zeichnerei zu bilderreich ist.
    Lesen, lesen, lesen Sie! Bernsteins Balladen, Lieder und Moritaten, seine Reimberichte und Gedichte, die langen Sachen und die ganzganz Kurzen: »›Obazahlnnischschkannnischmehr!‹ – ›Das waren siebzehn Bier, der Herr!‹«. Die mittelkurzen Meisterwerke freilich auch: »Zu Mannheim stand ein Automat / um die Jahrhundertwende, / der jeden an das Schienbein trat, / der dafür zahlte. Ende.«
     Ja, Ende. Zu dem müssen auch wir nun langsam kommen. Aber auch nur wir – der Universalkönner F. W. Bernstein wird gottseidank noch lange nicht schweigen: »Hat’s die Sprach mir verschlagen / klappt mein Maul auf und zu / hab ich nix mehr zu sagen / doch ich geb noch kein Ruh.«

Nun, im sogenannten Ruhestand angekommen, hat sich der schwäbische Berliner noch so manches vorgenommen. Mit dem vornehmen Professorengehabe, konzediert er, sei jetzt Schluß. Unwiderruflich. Ganz unbedingt wolle er sich nun auf einen gewissen Grad von »Alterswildheit« vorbereiten, ja auf eine »Altersruppigkeit«, inskünftig und nur zu gerne möchte er »den unwürdigen Greis geben«. Den wir ihm dann freilich abzunehmen hätten.
     Spricht’s – und zappt mit Stift und Auge eins weiter. Mit uns ist er fertig. Nämlich hat er da eben höchst merkwürdige Hinterbäume entdeckt, sogar mit Leuten dabei! Die müssen schleunigst erfaßt werden.
     Und wir? Wir machen’s wie immer: schauen dem reifen F. W. Bernstein zu und staunen, wie Seine Unermüdlichkeit schon wieder neugierig am Schauen und Zeichnen ist.
     Denn viel ist noch zu tun, zu suchen und zu finden: »Immer noch nicht entdeckt ist der Erreger der Komik.«

Die schärfsten Kritiker der Elche

Aus: Oliver Maria Schmitt: »Die schärfsten Kritiker der Elche. Die Neue Frankfurter Schule in Wort und Strich und Bild«, Berlin 2001, Alexander Fest Verlag – zu erstehen in guten Buchhandlungen, online zu bestellen z.B. bei amazon

© F.W. Bernstein, März 2002 – Mai 2016