wir haben uns hier im Rahmen der Rettungswochen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Kulturbrüchiger im APEX zusammengefunden, um etwas zu machen, was schon so oft im APEX stattgefunden hat und was es, so doch sicher im Sinne aller hier Anwesenden auch immer geben möge: eine Ausstellung zu eröffnen! Zwei Berliner Künstler haben ohne Rücksicht auf Kassenzulassung und bar jeder finanziellen Unterstützung durch die Deutsche Krankenhausgesellschaft eigens eine Grafische Heilanstalt gegründet, sowohl die Patienten als auch das Anstaltspersonal geschaffen und heute nun alles exklusiv in die APEX Werkstatt verfrachtet und das bekannte Söldnerin umgesetzt, dass wo Gefahr ist, auch das Rettende wächst.
Man muss es sich in Erinnerung rufen: Da werden Theater in Berlin geschlossen und zusammengelegt, da fahren statt den maroden S-Bahnen Heuwagen und Pferdefuhrwerke durch die Berliner Unterwelt - und doch haben zwei Hauptstadtkünstler keine Blätter und Stifte gescheut, mit einer beispiellosen Postkartenaktion die Kulturinstitu-tion zu unterstützen, ohne die es Göttingen seit gut 38 Jahren gar nicht gäbe. Denn aus Dieser Stadt ist das APEX nicht wegzudenken. Versuchen Sie es ruhig mal! Schließen Sie die Augen, stellen Sie sich Göttingen vor, ziehen Sie das dann APEX ab- und was werden Sie erhalten?! Nichts als Ackerland, auf dem ein paar Professorenklone Ackerbau mit Viehzucht verwechseln.
Die Zeichnungen von Fritz und Heike sind übrigens leicht zu finden. Sie hängen an den Wänden. Aber was so locker und selbstverständlich aussieht, musste natürlich zuvor in einen passenden Rahmen gebracht werden. Denn diese Leistung wird von einem modernen kundenent-fernten Transportunternehmen wie der Post nicht mehr selbstverständlich übernommen. Wenn meine Informationen stimmen, hat die Rahmung Antje Bodenstein übernommen. Auch ihr möchte ich dafür im Namen aller Dank abstatten, dass ihr das gelungen ist. Denn wir wissen ja nur zu gut, wie leicht heutzutage im kulturellen Bereich der Rahmen gesprengt wird.
Wer sich die Zeichnungen anschaut, wird bemerken, dass praktisch nirgends eine Signatur zu sehen ist. Da fragt man sich natürlich gleich, was wohl von wem ist? Für ausgemachte Strichexperten dürfte es kein Problem sein, die Urheberschaft zu ermitteln, aber ist das eigentlich so wichtig? Alles Künstlerische in Deutschland ist ja spätestens seit der Romantik an den Genienkult gebunden, und immer soll es einer — am Anfang aber auf keinen Fall eine eine — gewesen sein, der von seinem Genius erleuchte wurde. Aber dazu von meiner Seite ein klares, entschiedenes Papperlapapp! Manchmal stehe ich sogar vor dem Problem, die Gedichte richtig zuzuordnen, die in den gemeinsam von Fritz Weigle und Robert Gernhardt verfassten Büchern stehen. Da musste ich auch schon mal beim Fritz persönlich anrufen und ihn fragen. Und selbst er war sich nicht immer sicher, sondern konnte nur mutmaßen. Er selber hatte schon manchmal beim seligen Robert nachfragen müssen, weil der sich immer besser erinnern konnte.
Liebe Heike, lieber Fritz, ich finde das Klasse, dass sich diese Frage nach der Urheberschaft bei euch zwar stellt, aber so gleich als nicht so wichtig verworfen sind! Man bedenke eure unterschiedliche Lebens-wege.: Fritz Weigle, der mit allen Wassern gewaschene Professor — Göppingen an der Fils, Stuttgart am Neckar, Frankfurt am Main, Göttingen an der Leine und dann erst Spreeathen Berlin — und Heike Drewelow, Kind des deutschen Orients und eine volle Generationen-runde jünger, seit 1992 aus der Schülerschaft nun zur kongenialen Partnerin auf gleicher Zeichenhöhe gereift … Halt, nee! Blödes Wort: gereift … Klingt so nach überalten Weinen und Whisyky. Bei Fritz bin ich mir ziemlich sicher, dass er gerne diesen Reifungsprozess auch mal wieder umkehren und sich auf Neues einlassen möchte. Hat sich überhaupt sonst noch einer so zuvorkommend und neugierig auf die damalige politische Situation eingestellt wie der Fritz? Gab es wen, der weniger ein Besserwessi war als er? Schon vor Jahren gab es ja hier im APEX ebenfalls eine co-produzierte Ausstellung mit dem seligen Eastsidekünstler Manfred Bofinger zusammen — und wenn man in den Anfangsjahren nach dem Mauerfall Fritz besuchte, hat er einen immer zuerst in den Ostteil der Stadt verschleppt.
Wenn ich selber ein Unterscheidungskriterium zwischen den Zeichnungen nennen sollte, so würde ich sagen: „Dem Fritz seine sind spitze, der Heike ihre dafür noch spitzer.“ Denn ich meine, noch nie so spitze Wesen gesehen zu haben wie die in ihrer Heilanstalt. Unter den Tieren vollzieht sich eine geheime Vogelwerdung und Schnabel-offensive, darin auch dem berühmten Zweizeiler ähnlich „Das Schnabeltier, das Schnabeltier vollzieht den Schritt vom Ich zum Wir“. Ob der vom Fritz ist oder vom Gernhardt, könnte ich mal wieder gar nicht sagen. Ich erinnere nur an drei Zeichnungen in der aktuellen Ausstellung: „Ist der Grünschnabel unter Kontrolle?“, „Bist Du der Anstaltsdoktor Peter / mit dem Nasenthermometer?“ und dem Bild mit dem Kauz, dem’s graut. Da kann ich nämlich gleich meine eigene Nachtwelt hineinflechten und dichten:
Durch diese Rauhnacht schreit kein Kauz,
nichts Irdisches schlägt an — mir graut’s.
Nur manchmal dieser furchtbar leise:
der Trommelschritt der Waldameise.
Auf einem Bild von Fritz geht’s auch mal rund! Aber das steht bloß drauf und es ist ansonsten eher spitze! (Aufschauen und Beifall haschen) Gut, dass da jetzt wer gelacht hat! Denn dann kann ich mich zum Schelm aufpetzen / und dem noch einen Helm aufsetzen! Denn den brauche ich als Übergang zu Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“, von dem es auch immer mal wieder heißt, der sei gar nicht von ihm, sondern von seinen Schülern beziehungsweise seiner Werkstatt. Ob wohl der Meister selber immer gewusst hat, was von ihm selber war? Und wenn seine Jungs so gut wie er selber malen konnten, dann hätten sie doch sicher auch die Signatur perfekt imitieren können. Es beruhigt daher, dass die Stimmung in der Grafischen Heilanstalt sehr übertragbar ist. Es herrscht ein großes Einverständnis der Beteiligten über diesen Zeichnungen, eine komische Ergebenheit, eine fast rührende Solidarität unter den Gezeichneten.
Meine Damen und Herren, liebe Anwesende, ich möchte erwähnen, dass ich Heike Drewelow persönlich erst gestern Abend kennengelernt habe. Sie saß neben mir in der Wirtschaft, hatte aber schon dieselben Gepflogenheiten angenommen, die ich von Fritz seit jeher kenne und mich als zeichnerischen Kretin fasziniert, der es in seinem bildbaren Werdegang nur bis zum Kopffüßler geschafft hat. Sie zeichnete und zeichnete. Dazu unterhielten wir uns über eine spektakuläre aktuelle Bestiarium-Ausstellung mit Tiermalereien des Künstlers Walton Ford, die zur Zeit in der Berliner Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof stattfindet. Denn schließlich war und ist auch heute etwas tierisch Schönes unter uns. Deshalb möchte ich noch ein Gedicht aus der großen Zeit der Entdeckungsreisen beisteuern und ein Jahr nach Darwins zweihundertstem Geburtstag dem Tier an sich meine Referenz erweisen und besonders denen, die sich ihm künstlerisch widmen. Erinnert sei hier an Fritz Weigles „Warnung an alle“: „In mir erwacht das Tier, / es ähnelt einem Stier“, auch wenn er gleich darauf die Gefahr wieder herunterspielt und als angehender Zuckerstreuer weiterdichtet: „Das ist ja gar nicht wahr, / in mir sind Tiere rar.“
Doch nun wie angekündigt zu etwas völlig anderem, nämlich zu Charles Darwin:
Charles Darwin entdeckt den Rankenfüßergatten
Als Charles Darwin mit der „Beagle“
ankerte vor Ecuador,
schaute er in keinen Spiegel,
sondern in die Luft empor
und erblickte in den Klippen
schaukelnd einen Albatros,
schloss aus dessen Flügelwippen:
„Auf, Charles, nach Galapagos!“Schnell war eins der Rettungsboote
von der Reling losgemacht
und — obgleich „El Niño“ drohte —
schoss Charles Darwin in die Nacht.Es vergingen sieben Wochen,
bis er endlich Land gewann
und die Echsen zu ihm krochen,
mit der Zunge spitz voran.Als sie sich dann sicher waren,
dass der Fremde gar nichts tut,
deckten sie ihn warm in Scharen
und Charles Darwin schlief sehr gut.Wo er auch die nächsten Tage
forschend übers Eiland schritt,
gingen stumm in Doppellage
tausend dieser Echsen mit.Dennoch hatte Darwin Augen
für die Vögel im Geäst.
Im Geschwirr beim Nektarsaugen
hielt er ihre Färbung fest.Hier ein Pünktchen, dort zwei Streifen,
alles hat er aufnotiert.
Und um alles zu begreifen,
schrieb er kurzerhand: „Mutiert!“Ganz zum Schluss fiel ihm ein süßer
Muschelkrebs, ein Parasit
in die Hand, ein Rankenfüßer —
und den nahm er auch noch mit.Dann vergingen die Jahrzehnte
und Charles Darwin war sehr krank.
Dennoch träumte er und sehnte
er sich nach Muschelbank.Huch! Da sah er mit Erschrecken,
dass der Krebs ein Männchen hat,
klebte praktisch nur als Flecken
bei der Frau am Schulterblatt!Das nun hat den Biologen
innerlich doch sehr verwirrt,
und er hat den Schluss gezogen,
dass die Art zur Unart wird.Wird die Unzucht so verbreitet
in den Dienst der Zucht gestellt,
ist Moral schlecht vorbereitet,
wenn sie Gott dagegen hält.Hier sind’s bunte Finkensprenkel,
dort der Gattenunterschied.
Fragt sich, wie wohl mal der Enkel
aus dem eignen Stamm aussieht.Diese Frage stellt sich allen,
deren Zellstruktur sich teilt.
Darwin fand daran Gefallen,
dass uns halt in Intervallen
der Gestaltwechsel ereilt.
Liebe Heike, lieber Fritz, ich danke euch im Namen aller, dass euch die Gründung und Eröffnung dieser lebenswichtigen Anstalt gelungen ist und diese Anstalt von wechselnden Gestalten besiedelt ist. Nach dem Pferdeflüsterern und Weichspülern, den Handauflegern und Reittherapeuten habt ihr mit der Erfindung des „Heilenden Zeichnens“ neue Maßstäbe gesetzt. Oder um es mit dem leicht umgetexteten Schlussvers aus Fritzens berühmter Ballade „Ein Zwischenfall“ zu Mangolds peinlichstem Erlebnis auszudrücken:
„Bedrückend war die Atmosphäre.
Wer weiß, was noch geschehen wäre,
wenn nicht ein heilendes Duett
die APEX-Welt gerettet hätt’.“